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buch:kapitel02 [2016/11/19 20:10]
administrator [(Medien)analyse, Medienkritik und ethische Reflexion]
buch:kapitel02 [2018/11/12 20:28] (aktuell)
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 ===== Von der Anwendungskompetenz zur Kollaborationskompetenz ===== ===== Von der Anwendungskompetenz zur Kollaborationskompetenz =====
  
-Medienbildung besitzt in den meisten Publikationen fünf Dimensionen bzw. Kompetenzbereiche. Ich habe zu jedem Kompetenzbereich ein konkretes Unterrichtsbeispiel hinzugefügt – meist aus dem Fach Deutsch. ​+Medienbildung besitzt in dem aktuellen [[https://​www.kmk.org/​fileadmin/​Dateien/​pdf/​PresseUndAktuelles/​2016/​Bildung_digitale_Welt_Webversion.pdf|KMK-Strategiepapier]] sechs Dimensionen bzw. Kompetenzbereiche. Ich habe zu jedem Kompetenzbereich ein konkretes Unterrichtsbeispiel hinzugefügt – meist aus dem Fach Deutsch. ​
  
 Dabei habe ich versucht, mich nicht auf klassische und allgemein übliche Verfahren zu beziehen und die Beispiele möglichst losgelöst von einem konkreten Produkt, Fach oder einer Hardwareplattform zu entwickeln. Dabei habe ich versucht, mich nicht auf klassische und allgemein übliche Verfahren zu beziehen und die Beispiele möglichst losgelöst von einem konkreten Produkt, Fach oder einer Hardwareplattform zu entwickeln.
  
-==== Bedienung ​und Anwendung ​====+<WRAP center round important 60%> 
 +Das KMK-Strategiepapier ist eine Neuentwicklung. Dieser Bereich muss noch dementsprechend überarbeitet und angepasst werden. 
 +</​WRAP>​ 
 + 
 + 
 +==== Suchen, Verarbeiten ​und Aufbewahren ​====
  
 Kompetenzen in diesem Bereich bilden oftmals die Grundlage für alle weiteren. In der Regel ist an jeder Schule schon in irgendeiner Form etwas verankert. Typische Formulierungen in schulinternen Curricula wären z.B.: Kompetenzen in diesem Bereich bilden oftmals die Grundlage für alle weiteren. In der Regel ist an jeder Schule schon in irgendeiner Form etwas verankert. Typische Formulierungen in schulinternen Curricula wären z.B.:
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 <WRAP center round info 60%> <WRAP center round info 60%>
-Ein ganz einfaches Beispiel aus dem Bereich "Bedienen ​und Anwenden" finden Sie [[material:​bedienundanwenden|hier]].+Ein ganz einfaches Beispiel aus dem Bereich "Suchen, Verarbeiten ​und Aufbewahren" finden Sie [[material:​bedienundanwenden|hier]].
 </​WRAP>​ </​WRAP>​
  
-==== Datenerhebung,​ Recherche ​und Information ==== +==== Kommunizieren ​und kooperieren ​====
- +
-Viele Lehrkräfte wissen wahrscheinlich nicht, wie man einen Wikipediaartikel richtig liest, geschweige denn, wie man strukturiert eine Suchmaschine bedient und ihre Möglichkeiten nutzt. +
- +
-<WRAP center round tip 60%> +
-Aufgabe zur Entspannung:​ +
-Suchen Sie mit Google doch einmal nach dem Ausdruck „x^3+1/​x“ (ein beliebiger andere Term funktioniert ebenso) +
-</​WRAP>​ +
- +
-Trotzdem ist – wie böse Zungen behaupten – vorwiegend freitags in der 6. Stunde der Computerraum für „Recherche“ belegt – werden in diesem Rahmen z.B. folgende Kompetenzen vermittelt?​ +
- +
-  * Lesen und Beurteilen eines Wikipediaartikels +
-  * Formal korrektes Zitieren von Onlinequellen +
-  * (Weiter-)Verwendung von Bild- und Tonmaterial gemäß den geltenden Urheberrechtsbestimmungen +
-  * die Bedeutung der Creative Commons Lizenzen (vor allem CC0) +
-  * [...] +
- +
-Der Bereich Recherche ist keineswegs trivial, sondern setzt sehr viel Wissen rund um rechtliche Themen ebenso voraus wie ein Bewusstsein um die heutzutage generell leichte Manipulierbarkeit von Informationen – auch im Bereich der „klassischen“ Medien (Print oder Rundfunk).  +
- +
-Ein konkretes Unterrichtsbeispiel zum Lesen eines Wikipediartikels findest du [[material:​recherche|hier]]. +
- +
-==== Kommunikation und Kooperation ​====+
 Während die ersten beiden Kompetenzbereiche an vielen Schulen oft schon in irgendeiner Form abgedeckt werden, erscheint in meinen Beratungen der Bereich der Kommunikation und Kooperation oft als besondere Herausforderung. Während die ersten beiden Kompetenzbereiche an vielen Schulen oft schon in irgendeiner Form abgedeckt werden, erscheint in meinen Beratungen der Bereich der Kommunikation und Kooperation oft als besondere Herausforderung.
 Das liegt vor allem daran, dass zur sicheren Umsetzung immens viel Wissen über die Möglichkeiten vorhanden sein muss, die das Netz zur Zusammenarbeit bietet: Wissen über Tools, Wissen über Datenschutz,​ Wissen über Urheberrecht. Das liegt vor allem daran, dass zur sicheren Umsetzung immens viel Wissen über die Möglichkeiten vorhanden sein muss, die das Netz zur Zusammenarbeit bietet: Wissen über Tools, Wissen über Datenschutz,​ Wissen über Urheberrecht.
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 </​WRAP>​ </​WRAP>​
  
- +==== Produzieren ​und Präsentieren ​====
-==== Präsentation ​und Produktion ​====+
  
 Diese beiden Bereiche lassen sich hervorragend verbinden, da jede medial gestützte Präsentation natürlich auch Produktionsprozesse voraussetzt. ​ Diese beiden Bereiche lassen sich hervorragend verbinden, da jede medial gestützte Präsentation natürlich auch Produktionsprozesse voraussetzt. ​
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 </​WRAP>​ </​WRAP>​
  
 +==== Schützen und sicher agieren ====
  
-==== (Medien)analyseMedienkritik ​und ethische Reflexion ​====+Dieser Kompetenzbereich ist der jüngste im Strategiepapier der Kultusministerkonferenz. Und es ist ferner ein Kompetenzbereich,​ mit dem sich Schulen oft schon in irgendeiner Form auseinandergesetzt haben oder auseinandersetzen mussten, wenn z.B. 
 +  * Probleme mit der Handynutzung in der Schule auftreten (i.d.R. sind Verbote eine erste Reaktion) 
 +  * Mobbingfälle auftreten, bei denen Internetplattformen jedweder Art eine Rolle spielen und zurück in eine Lerngruppe hineinwirken 
 +  * WhatsAppgruppen in Klassen zu Problemen führen (unsinnige Nachrichten,​ hohe Frequenz von Nachrichten,​ kaum Möglichkeiten der Abschottung ohne das Gefühl zu haben, etwas zu verpassen) 
 +  * Sexting stattfindet oder Bilder mit bloßstellendem Inhalt Verbreitung finden 
 +Dieses Problem brennt zurzeit an vielen Schulen. Am Beispiel "​Handy"​ soll einmal exemplarisch das Problemfeld aufgezeigt werden. 
 + 
 +In jüngster Vergangenheit bin ich mit der vollen Bandbreite der Hilflosigkeit gegenüber den Eigendynamiken konfrontiert worden, die entstehen, wenn sich jüngere Schülerinnen und Schüler auf WhatsApp bewegen. 
 +  * Beleidigungen 
 +  * veränderte Bilder unliebsamer Mitschüler 
 +  * Enthauptungsvideos 
 +  * […] 
 +  * „Ich kann nichts dafür“-Behauptungen (In der Schülervorstellungswelt kann man sich ja schließlich nicht dagegen wehren, in WhatsApp-Gruppen aufgenommen zu werden) 
 +Diese Dinge scheinen sich nach meinen Beobachtungen vor alle in den jüngeren Klassenstufen der Sekundarstufe I zu häufen. Die reflexartigen Reaktionen auf Vorkommnisse sehen zunächst so aus: 
 +  - „Handy wegnehmen. Die dürfen WhatsApp erst ab 16 nutzen!“ 
 +  - „Handy verbieten. Die können damit nicht umgehen!“ 
 +  - „Medienpädagogen einladen, der denen das mal sagt!“ 
 +  - „Eltern in die Pflicht nehmen. Die sind unverantwortlich,​ Kindern ein Smartphone zu kaufen!“ 
 +  - „Nun sag‘ mal Maik, was soll ich denn jetzt machen? Du bist doch Medienfuzzi. Alles Scheiße mit diesem Digitalzeugs!“ 
 + 
 +Handeln wir das mal alles in der Kürze ab, die es sachlogisch verdient: 
 + 
 +Zu 1.) 
 + 
 +Netter Versuch. Das Handy gehört uns nicht und umfasst den Privatbereich der SuS. Das ist so auf der Ebene wie: „Ich verbiete dir, nicht altersgerechte Filme in deiner Freizeit zu schauen!“ 
 + 
 +Zu 2.) 
 + 
 +Netter Versuch. Das Handy gehört uns nicht und umfasst den Privatbereich der SuS. Das ist so auf der Ebene wie: „Ich verbiete dir, dich in deiner Freizeit mit Hannes und Tim zu treffen. Die haben einen schlechten Einfluss auf dich!“ 
 + 
 +Zu 3.) 
 + 
 +Netter Versuch. Und bequem. Dann macht der das halt (wenn er dann mal Zeit hat). Ich nenne sowas medienpädagogisches Feigenblatt:​ „Wir haben was getan – wir haben jemanden eingeladen! Wenn dann keiner kommt, tja, können wir auch nichts dafür!“ 
 + 
 +Zu 4.) 
 + 
 +Völlig richtig. Wenig bis so gar nicht realistisch. Eltern halten das mit dem Handy oft so: Wir kaufen dir eines. Wir kennen uns damit eh nicht aus. Das Erstaunen ist dann riesig, wenn dann mit dem Gerät Dinge geschehen, die unschön sind. Dann ist das Internet schuld. Oder wahlweise die Schule, die ja nichts dagegen macht. Mein Bild: Sie schicken ein vierjähriges Kind mit dem Rad bei Dunkelheit quer durch die Stadt und sind dann völlig überrascht,​ wenn es umgenietet wird. Dieser Scheißverkehr ist dann schuld!“ (sonst müsste man sich ja selbst seiner Verantwortung stellen …) 
 + 
 +Zu 5.) 
 + 
 +Die Situation ist sehr komplex. Das System der Beteiligten und der Ursachen auch. Wer hier ein einfache Antwort erwartet, verkennt die Komplexität völlig. Bestenfalls verlagert er das Problem schlicht vordergründig aus dem Wahrnehmungsbereich von Schule. Leider wird das immer wieder in die Schule zurückschwappen. mit dem Unterschied,​ dass man dann noch sehr viel weniger über die Vorgänge in der „Parallelwelt“ weiß, 
 + 
 +Wo Verbote nicht greifen, komme ich um Verhandlungen und pädagogische Vereinbarungen nicht herum. Es gibt an Schulen Gremien, die die einzelnen Gruppen vertreten. Es gibt eine Schüler- und eine Elternvertretung. Wenn ich zieloffen hier zu Vereinbarungen komme, die den Handygebrauch innerhalb der Schule regeln, habe ich eine größere Chance, dass diese Vereinbarungen eingehalten und durch demokratisch verhandelte Sanktionen notfalls auch durchgesetzt werden. Zusätzlich ist das u.U. eine Chance, Demokratie praktisch zu leben und es ist eine Chance, insbesondere Eltern und Schülern auf Augenhöhe zu begegnen. Diese Gremien müssen ja ihrem „Wahlvolk“ Entscheidungen vermitteln. Und insbesondere Eltern können ja schon mehr als Kaffee und Kuchen bei Veranstaltungen zu spenden. Diese Idee scheitert oft an dem dafür notwendigen Paradigmenwechsel:​ Schule ist ja von ihrem Wesen her hierarchisch organisiert. 
 + 
 +Wo in der Gesellschaft bekommen Schülerinnen un Schüler vorgelebt, wie man z.B. soziale Medien sinnvoll und reflektiert nutzt? Wo in Schule bekommen SuS gezeigt, welche Potentiale für das eigene Lernen in Socialmedia steckt? Wenn ich Schulen Portallösungen mit zarten Socialmediafunktionen empfehle, kommt sehr oft: „Aber diesen Chat, den müssen wir dringend abschalten, da passiert nur Mist, wer soll das kontrollieren!“ Wenn da „Mist“ passiert, ist das m.E. ein Geschenk, weil es in einem geschützten Raum entsteht und pädagogisch aufgearbeitet werden kann. Wir brauchen mehr solchen „Mist“, der auf Systemen von Schulen geschieht, weil wir ihm dort ohne irgendwelchen Anzeigen und richterlichen Anordnungen begegnen können – die Daten haben wir ja selbst und idealerweise auch klare Regelungen, wann diese von wem wie eingesetzt werden dürfen. 
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 +Ich denke, dass in diesem Kompetenzbereich sehr deutlich werden kann, dass Medienbildung,​ bzw. Bildung in Zeiten der Digitalisierung nicht zwangsläufg bedeuten muss, alles nur noch mit digitalen Geräten zu machen. Dass z.B. eine Entschuldigung über WhatsApp eine andere Wertigkeit besitzt als eine persönliche,​ kann sowohl im Religionsunterricht als auch im Deutschunterricht unter der Rubrik "​Kommunikation"​ thematisiert werden.  
 +==== Problemlösen und Handeln ==== 
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 +Viele Lehrkräfte wissen wahrscheinlich nicht, wie man einen Wikipediaartikel richtig liest, geschweige denn, wie man strukturiert eine Suchmaschine bedient und ihre Möglichkeiten nutzt. 
 + 
 +<WRAP center round tip 60%> 
 +Aufgabe zur Entspannung:​ 
 +Suchen Sie mit Google doch einmal nach dem Ausdruck „x^3+1/​x“ ​(ein beliebiger andere Term funktioniert ebenso) 
 +</​WRAP>​ 
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 +Trotzdem ist – wie böse Zungen behaupten – vorwiegend freitags in der 6. Stunde der Computerraum für „Recherche“ belegt – werden in diesem Rahmen z.B. folgende Kompetenzen vermittelt?​ 
 + 
 +  * Lesen und Beurteilen eines Wikipediaartikels 
 +  * Formal korrektes Zitieren von Onlinequellen 
 +  * (Weiter-)Verwendung von Bild- und Tonmaterial gemäß den geltenden Urheberrechtsbestimmungen 
 +  * die Bedeutung der Creative Commons Lizenzen (vor allem CC0) 
 +  * [...] 
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 +Der Bereich Recherche ist keineswegs trivialsondern setzt sehr viel Wissen rund um rechtliche Themen ebenso voraus wie ein Bewusstsein um die heutzutage generell leichte Manipulierbarkeit von Informationen – auch im Bereich der „klassischen“ Medien (Print oder Rundfunk).  
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 +Ein konkretes Unterrichtsbeispiel zum Lesen eines Wikipediartikels findest du [[material:​recherche|hier]]. 
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 +==== Analysieren ​und Reflektieren ​====
 Dieser Kompetenzbereich ist ein schönes Beispiel dafür, dass Medienbildung - genau wie übrigens die Informatik - ganz ohne Technik und Netze funktionieren kann, wie [[material:​medienethik|dieses Beispiel]] zeigt. Dieser Kompetenzbereich ist ein schönes Beispiel dafür, dass Medienbildung - genau wie übrigens die Informatik - ganz ohne Technik und Netze funktionieren kann, wie [[material:​medienethik|dieses Beispiel]] zeigt.
  
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 Diese Organisationsform ist kein Garant für mehr Partizipation. Aber sie macht ein Angebot. Eventuell kann sie auch als trojanisches Pferd dienen, auch andere Konzeptentwicklungsprozesse so zu organisieren oder sogar kollaborative Dokumente im Unterricht selbst einzusetzen. Diese Organisationsform ist kein Garant für mehr Partizipation. Aber sie macht ein Angebot. Eventuell kann sie auch als trojanisches Pferd dienen, auch andere Konzeptentwicklungsprozesse so zu organisieren oder sogar kollaborative Dokumente im Unterricht selbst einzusetzen.
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 +~~DISCUSSION~~